
Christoph von Oldershausen
Geschäftsführer bei Movement 24

Simon Brzoska
Content Lead bei machtfit
Der Krankenstand in Deutschland ist multifaktoriell und steigt seit Jahren. Allein der demografische Effekt sorgt für eine berechenbare Verschlechterung: AU-Tage und AU-Fall-Dauer steigen mit dem Alter deutlich an, gleichzeitig wandert die geburtenstarke Generation der Babyboomer in Richtung Rente. Damit ist heute schon klar, dass die Krankenquote in fünf Jahren strukturell höher liegen wird als heute, ohne dass sich an den Arbeitsbedingungen etwas verändert hat. Das ist der einfachste Frühindikator überhaupt: Er steht bereits schwarz auf weiß in jeder Personalstatistik. Wer als HR und BGM nicht aktiv gegensteuert, akzeptiert steigende Ausfallkosten als Status quo. Frühwarnsysteme sind deshalb keine Kür, sondern strategische Pflicht.
Das Treiber-Indikatoren-Modell ist die Grundlage jedes Frühwarnsystems. Treiber sind die Arbeitsbedingungen selbst: Organisation, Führung, Kultur, soziales Miteinander. Frühindikatoren liefern erste Hinweise, dass sich Risiken aufbauen, etwa Gesundheitsverhalten, Selbstwirksamkeit, Wohlbefinden oder psychische Belastung. Spätindikatoren zeigen das Problem, wenn es bereits eingetreten ist: AU-Tage, Fehlzeitenquote, Fluktuation, BEM-Quote, Präsentismus, Demotivation. Die meisten Unternehmen messen heute fast ausschließlich Spätindikatoren, weil sie am leichtesten zu erfassen sind. Genau deshalb wirken Maßnahmen oft zu spät und zu undifferenziert. Wer früh investieren will, muss Treiber sichtbar machen und über Frühindikatoren steuern. Spätindikatoren zeigen das Problem, Frühindikatoren erklären die Ursache, gelöst wird sie aber nur über die Treiber. Das gilt auch in positive Richtung: Hohes Engagement etwa kann ein Treiber für Präsentismus sein, wenn die Kultur unbewusst die Anwesenheit über die Gesundheit stellt, beispielsweise durch Bonusmodelle für niedrige AU-Tage.
Wirkungsketten machen Frühindikatoren steuerbar. Das Bielefelder Sozialkapitalmodell von Professor Badura zeigt seit Jahren empirisch, dass Sozialkapital (Führung, Kultur, Klima) und Humankapital (Bindung, Lernen, Gesundheit) direkt auf Spätindikatoren wie Absentismus, Präsentismus und Qualitätsbewusstsein wirken. Eine aktuelle Datenauswertung von Demployee auf Basis von rund 50.000 Datensätzen aus 2024 verdichtet das auf drei zentrale Frühindikatoren: Bindung, Motivation und mentale Gesundheit. Die jeweils stärksten Treiber unterscheiden sich klar. Bindung wird vor allem von erlebter Gerechtigkeit, Wertschätzung und der Übereinstimmung persönlicher Werte mit den Unternehmenswerten getrieben. Motivation entsteht aus Bedeutsamkeit der Aufgabe, Vielseitigkeit, Selbstwirksamkeit und der Möglichkeit, eigene Talente einzubringen. Mentale Gesundheit hängt am stärksten an einer guten Work-Life-Balance, also an räumlicher und zeitlicher Flexibilität. Bemerkenswert: Klassische Führungskompetenz rangiert nicht an der Spitze der Treiber, doch Führungskräfte gestalten fast alle oberen Faktoren auf Teamebene maßgeblich mit. Wer Bindung, Motivation und mentale Gesundheit konsequent misst, kennt die wahren Hebel hinter Fehlzeiten und Fluktuation. Eine emotional stark gebundene Belegschaft hat laut AOK-Studien deutlich niedrigere AU-Tage als eine emotional schwach gebundene.
Sie müssen das Rad nicht neu erfinden. Zwei etablierte Instrumente liefern belastbare Frühindikator-Daten ohne großen Aufwand. Der Work-Ability-Index (WAI) ist ein international anerkannter Fragebogen mit sieben Dimensionen, von Gesundheit über Motivation bis Anforderungen. Er liefert einen klaren Score zur Arbeitsfähigkeit, ist branchenübergreifend benchmarkbar und gut anschlussfähig an die interne Kommunikation mit der Geschäftsführung. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (GB Psych) ist gesetzlich ohnehin verpflichtend und identifiziert Belastungstreiber strukturiert über Fragebögen, Interviews und Workshops. Statt sie als einmaliges Pflichtprojekt abzuhaken, sollten Sie sie als kontinuierliches Frühwarn-Instrument im strategischen BGM einsetzen, ergänzt durch qualitative Verfahren auf Teamebene. So entsteht aus einer Compliance-Pflicht ein zentraler Datenpunkt, der Bindung, Motivation und mentale Gesundheit sichtbar macht und gleichzeitig die Treiber liefert, an denen Sie ansetzen können.
Wirkung entsteht erst, wenn Sie wenige aussagekräftige Kennzahlen regelmäßig erheben und konsequent auswerten. Eine schlanke Health Scorecard kombiniert klassische Spätindikatoren (Krankenstand, Fluktuation, BEM-Quote) mit Frühindikatoren aus GB Psych und WAI sowie ausgewählten Treiberkennzahlen, etwa zu Wertschätzung oder Work-Life-Balance. Wichtiger als die Anzahl der KPIs ist die Frequenz: jährlich, halbjährlich oder als kurze Pulsbefragung, je nach Reifegrad. Ohne Benchmarks bleibt jede Kennzahl schwer einzuordnen. Nutzen Sie deshalb den Längsschnittvergleich mit sich selbst, Branchenvergleiche aus dem BKK Dachverband, Berichten der größeren Krankenkassen und Berufsgenossenschaften sowie integrierte Vergleichswerte in Tools wie Demployee. So gewinnen Sie eine echte Verhandlungsgrundlage gegenüber der Geschäftsführung, können Budgets datenbasiert verteidigen und steuern Maßnahmen statt nach Bauchgefühl. Ein Ausblick auf die nächsten Jahre: Wearables, KI und Predictive Analytics erweitern die Datenbasis um Echtzeitinformationen zu Stress, Schlaf, Aktivität oder Ergonomie. Diese Tools sind betrieblich nur in einem klar definierten datenschutz- und mitbestimmungskonformen Rahmen sinnvoll, eröffnen perspektivisch aber neue Möglichkeiten für teamspezifische Frühwarnsignale.
00:00 – Begrüßung und Einstieg ins Thema Frühwarnsysteme im BGM
03:00 – Wirtschaftliche Bedeutung von Krankheitstagen und Trend des Krankenstands
04:07 – Demografie als sicherster Frühindikator für steigende AU-Tage
05:24 – Rückblick: Die wichtigsten Kennzahlen im BGM und das Zwiebelmodell
06:27 – Live-Umfrage: Wer nutzt bereits Frühwarnsysteme?
08:00 – Die Journey vom neutralen Risiko zum Arbeitsausfall
13:02 – Treiber, Frühindikatoren und Spätindikatoren im Überblick
18:30 – Eisbergmodell: Sichtbares und Verborgenes im BGM
22:11 – Beispiel Präsentismus als Treiber- und Kulturthema
27:18 – Frühindikatoren im Detail: Selbstwirksamkeit, Gesundheit, Wohlbefinden
29:00 – Bielefelder Sozialkapitalmodell und weitere Wirkungsketten
35:46 – Top-10-Treiber für Bindung, Motivation und mentale Gesundheit
45:07 – Zwei Wege: Vom Problem zum Treiber oder vom Treiber zum Ergebnis
47:46 – Work-Ability-Index und GB Psych als Frühwarn-Tools
51:42 – Aufbau einer Health Scorecard und Argumentation gegenüber der Geschäftsführung
55:37 – Ausblick: Wearables, KI und Predictive Analytics im BGM
57:07 – Benchmarks: Datenquellen und Vergleichsmöglichkeiten
58:35 – Drei wichtigste Frühindikatoren als Take-away
Das Netzwerk für HR-Verantwortliche, die Gesundheit strategisch denken.
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