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Führung wirkt messbar

Gesunde Führung ist die wirkungsvollste Maßnahme für Leistungsfähigkeit, Zufriedenheit und Bindung. Psychologische Sicherheit bildet das Fundament. Prof. Dr. Hägerbäumer und Prof. Dr. Bienert liefern Evidenz, Wirkzusammenhänge und Praxishebel, wie HR gesunde Führung zum System macht.

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Führung wirkt messbar

Gesunde Führung als Maßnahme für Leistung, Zufriedenheit und Bindung

Prof. Dr. Miriam Hägerbäumer

Autorin & Professorin für HR-Management

Prof. Dr. Michael Leonhard Bienert

Dekan Fakultät IV & Professor für BGM

Simon Brzoska

Content Lead bei machtfit

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Gesunde Führung ist die wirkungsvollste Stellschraube für Mitarbeiterbindung, Leistung und Wohlbefinden – und sie lässt sich messen. Rund 70 Prozent der Engagement-Varianz im Team gehen laut Gallup auf die direkte Führungskraft zurück. Metaanalytische Befunde belegen, dass Führungsverhalten signifikant auf die physische und psychische Gesundheit von Beschäftigten wirkt. Trotzdem hat die Umsetzung eine enorme Lücke: In einer Befragung unter HR-Verantwortlichen gab kein einziges Unternehmen an, gesunde Führung vollständig im Performance-System verankert zu haben. Etwa zwei Drittel messen psychologische Sicherheit nicht einmal ansatzweise. Die folgenden Abschnitte zeigen, warum Einzelmaßnahmen verpuffen, welche Modelle und Indikatoren wirklich funktionieren – und wie der Einstieg wirklich gelingt.

Führung ist der größte Hebel

Die Datenlage ist eindeutig: Führung entscheidet stärker über Engagement und Gesundheit als fast jeder andere organisationale Faktor. Die Gallup-Studie zum Engagement Index Deutschland beziffert den Einfluss der direkten Führungskraft auf rund 70 Prozent der Engagement-Varianz im Team. Auch die INQA-Befragung „Was ist gute Arbeit?“ bestätigt: Gute Führung rangiert auf Platz 5 – direkt nach harten Faktoren wie angemessener Bezahlung und Beschäftigungssicherheit.

Entscheidend sind dabei zwei Stellschrauben: echte Wertschätzung – weit mehr als ein gelegentliches Lob – und die gesunde Selbstführung der Führungskraft selbst: Selbstreflexion, Abgrenzung, Vorbildfunktion. Der wissenschaftliche Beleg kommt aus systematischen Reviews und Metaanalysen, die den Zusammenhang zwischen Führungsverhalten und Mitarbeitendengesundheit robust absichern.

Doch trotz aller Evidenz klafft eine Lücke zwischen Wissen und Handeln. Das Bewusstsein ist in vielen Unternehmen angekommen. Die Herausforderung liegt in der Praxis: Wie wird aus dem Wissen um die Wirkung ein funktionierendes System?

3-Ebenen-Modell gesunder Führung

Warum einzelne Führungskräfte-Workshops regelmäßig verpuffen, erklärt das 3-Ebenen-Modell gesunder Führung (Hägerbäumer & Henseler, 2026). Es macht sichtbar, dass gesunde Führung kein isoliertes Verhaltenstraining ist, sondern ein System mit drei ineinandergreifenden Ebenen:

Ebene 1 – Salutogene Unternehmensführung: Philosophie, Strategie, Kultur und Strukturen bilden den strategischen Rahmen. Der salutogene Ansatz fragt nicht „Was macht krank?“, sondern „Was hält gesund? Wie stellen wir unser Unternehmen wirklich gesund auf?“ Ohne diesen Rahmen fehlt jeder Einzelmaßnahme das Fundament.

Ebene 2 – Aktionsfelder gesunder Führungspraxis: Hier wird es konkret – Selbstführung, Führungsstil und Mitarbeitendenführung, Gestaltung der Arbeitsbedingungen und Zusammenarbeit in Teams. Diese Ebene ist der operative Kern.

Ebene 3 – Führung bei gesundheitlich belasteten Mitarbeitenden: Führen in kritischen Situationen, der Umgang mit erkrankten Beschäftigten und betriebliche Eingliederung erfordern spezifische Kompetenzen, die oft fehlen.

Die häufigsten Stolpersteine: volle Schreibtische und fehlende Zeit, mangelnde Basisqualifikation (etwa im Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitenden) und Zielkonflikte – weil Anreizsysteme auf andere KPIs ausgerichtet sind. Wer sich intensiver ums Team kümmert, vernachlässigt Kennzahlen, an denen er gemessen wird. Deshalb muss gesunde Führung auf der C-Level-Ebene verankert werden – nicht in einer HR-Abteilung „geparkt“ bleiben.

Psychologische Sicherheit als grundlegender Faktor

Psychologische Sicherheit ist einer der meistmissverstandenen Begriffe im Führungskontext. Googles Project Aristotle machte ihn prominent: In der internen Studie war psychologische Sicherheit – überraschenderweise – der stärkste Faktor für Team-Performance, noch vor Zuverlässigkeit, Struktur, Sinn und Wirkung.

Die Definition geht auf Amy Edmondson (ab 1999) zurück: Psychologische Sicherheit ist das geteilte Vertrauen im Team, dass zwischenmenschliches Risikoverhalten – Fragen stellen, Fehler zugeben, um Hilfe bitten, widersprechen – keine Bestrafung nach sich zieht. Konkret:

  • Nicht „einfach nett sein“ – im Gegenteil: Es geht um die Fähigkeit, gemeinsam in produktive Konflikte zu gehen.

  • Nicht dasselbe wie Vertrauen – Vertrauen ist eine 1:1-Beziehung; psychologische Sicherheit bezieht sich auf die Gruppe.

  • Kein Senken der Standards – sie schafft erst die Voraussetzung für ehrgeizige Ziele, weil Probleme offen adressiert werden können.

Das 4-Stufen-Modell nach Clark (2020) beschreibt den Aufbau: Von Inclusion Safety („Darf ich dazugehören?“) über Learner Safety und Contributor Safety bis zur Challenger Safety – der Fähigkeit, konstruktiv zu widersprechen, ohne die eigene Position zu riskieren. Gerade diese letzte Stufe ist Voraussetzung für Innovation.

Es ist die Fähigkeit, gemeinsam im Team in produktive Konflikte zu gehen – psychologische Sicherheit hat einen ausgesprochen betriebswirtschaftlichen Ansatz.
Prof. Dr. Michael L. Bienert,

Dekan & Professor Hochschule Hannover

Ein Pilotprojekt sinnvoll gestalten

Der Einstieg in psychologische Sicherheit braucht nicht direkt ein 3-Jahres-Programm. Ein pragmatischer 5-Stufen-Prozess macht einen Pilot in wenigen Wochen startklar:

  1. Führungskraft vorbereiten – im 1:1-Gespräch Bedenken und mögliche Kritik vorab thematisieren.

  2. Team mitnehmen – Motivation und Kontext setzen: Warum machen wir das?

  3. Scan durchführen – mit dem 7-Item-Fragebogen nach Edmondson, einem wissenschaftlich validierten Instrument.

  4. Debriefing mit dem Team – in 3–4 Stunden die Ergebnisse gemeinsam interpretieren und ursachenorientiert arbeiten.

  5. Führungskraft einbeziehen und Maßnahmen ableiten – konkrete nächste Schritte festlegen.

Ein strategischer Bonus: Die gesetzlich verpflichtende Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GB Psych) erlaubt Methodenvielfalt. Ein Instrument wie der psychologische Sicherheits-Scan schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe – Pflichterfüllung plus echte Wirkung. Am besten dort starten, wo die GB Psych hohes Verbesserungspotenzial zeigt: Hoher Handlungsdruck bedeutet gut messbare Veränderung.

Richtig messen, Frühindikatoren kennen

Krankenstand und Fluktuation sagen, was bereits passiert ist – zu spät, um zu steuern. Wirkungsvolle Messung unterscheidet deshalb konsequent zwischen zwei Indikatortypen:

Lead-Indikatoren (Frühindikatoren) zeigen Veränderungen schnell und erlauben frühzeitiges Gegensteuern: psychologische Sicherheit (gemessen über Pulse Surveys), Health-oriented Leadership (HoL), eNPS auf Teamebene und die Quote regelmäßiger 1:1-Gespräche. Sie sind der Steuerungshebel.

Lag-Indikatoren (Spätindikatoren) liefern den Business Impact: Krankenstand (insbesondere psychisch bedingt), Fluktuation, Engagement-Score und Präsentismus. Sie überzeugen den Vorstand – aber nur im Zusammenspiel mit den Lead-Indikatoren, die zeigen, warum sich etwas verändert hat.

Die Brücke zwischen beiden ist entscheidend. „Psychologische Sicherheit um 50 Prozent verbessert“ lässt ein C-Level kalt. Erst die Verbindung zum Business Impact – weniger Fluktuation, geringere Krankheitskosten, höheres Engagement – erzeugt Entscheidungsrelevanz. Das erfordert Data Storytelling: Daten in eine Geschichte übersetzen, die das Management versteht und die zum Handeln motiviert.

Die Datenlage verbessert sich laufend und weisen Zusammenhänge zwischen Führung, Gesundheit und Unternehmenserfolg empirisch signifikant nach. Daten sind das beste Startargument für eigene Pilotmessungen.

HR braucht auch ein gutes Data Storytelling. Man hat Daten – aber man muss sie adressatengerecht transportieren können.
Prof. Dr. Miriam Hägerbäumer,

Autorin & Professorin Euro-FH Hamburg

Morgen anfangen – Tipps zum Start

Gesunde Führung scheitert selten am fehlenden Wissen – sie scheitert an der Überforderung. Führungskräfte sitzen in der Sandwich-Position, oft selbst am Limit. Die gute Nachricht: Psychologische Sicherheit entlastet Führungskräfte, statt sie zusätzlich zu belasten. Teams, die offen kommunizieren, brauchen weniger Mikromanagement. Autonomie und konstruktive Konfliktfähigkeit schaffen Freiräume – für die Führungskraft und fürs Team.

Drei konkrete Ansatzpunkte für den Einstieg:

Erstens: Die Krankenkasse proaktiv ansprechen. Unter dem Präventionsgesetz unterstützen viele Kassen Maßnahmen rund um psychische Gesundheit und Führung – teils mit bis zu 50 Prozent Bezuschussung und eigenem fachlichen Support. So wird aus der ohnehin verpflichtenden GB Psych ein echter Hebel, ohne zusätzliches Budget.

Zweitens: Die Sprache ändern. „BGM“ ist bei Top-Entscheidern teilweise ein verbranntes Label. Begriffe wie „Management auf Basis von Gesundheit“ transportieren denselben Inhalt, signalisieren jedoch strategische Relevanz statt Obstkorbpolitik. Schon die Wortwahl entscheidet, ob das Thema im C-Level-Meeting zwei Minuten bekommt oder zwanzig.

Drittens: Klein starten. Nicht als Kampagne, sondern als Routine. Eine ehrliche Frage pro Meeting reicht zum Start: „Was hindert Sie heute daran, gesund zu führen?“ oder „Wo haben Sie in den letzten zwei Wochen etwas nicht angesprochen?“ Psychologische Sicherheit entsteht durch wiederholtes Vorleben.

Bauen Sie psychologische Sicherheit nicht als Kampagne, sondern als Routine – eine ehrliche Frage reicht zum Start.
Prof. Dr. Michael L. Bienert,

Dekan & Professor Hochschule Hannover

Fazit

Dieser Beitrag fasst die zentralen Erkenntnisse der Masterclass „Führung wirkt messbar“ zusammen – mit Prof. Dr. Hägerbäumer und Prof. Dr. Bienert. Die vollständige Aufzeichnung mit allen Modellen, Praxisbeispielen und der anschließenden Q&A-Runde ist exklusiv in der hr health Community verfügbar. Dort findest du auch weiterführende Materialien, Leitfäden und den direkten Austausch mit HR- und People-Leads, die an genau diesen Themen arbeiten.

Quellen:

  1. Gallup (2015): State of the American Manager: Analytics and Advice for Leaders. Gallup Inc., Washington, D.C. – sowie Gallup Engagement Index Deutschland (jährlich).

  2. Fuchs, T. (2006): Was ist gute Arbeit? Anforderungen aus der Sicht von Erwerbstätigen. INQA-Bericht Nr. 19, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). ISBN: 978-3-86509-544-2.

  3. Montano, D., Reeske, A., Franke, F. & Hüffmeier, J. (2017): Leadership, followers‘ mental health and job performance in organizations: A comprehensive meta-analysis from an occupational health perspective. Journal of Organizational Behavior, 38(3), 327–350.

  4. Kuoppala, J., Lamminpää, A., Liira, J. & Vainio, H. (2008): Leadership, job well-being, and health effects — A systematic review and a meta-analysis. Journal of Occupational and Environmental Medicine, 50(8), 904–915.

  5. Edmondson, A. C. (1999): Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383.

  6. Clark, T. R. (2020): The 4 Stages of Psychological Safety. Berrett-Koehler Publishers.

  7. Google re:Work – Project Aristotle: Five Keys to a Successful Google Team. Google Inc.

  8. Hägerbäumer, M. & Henseler, A. (2026): Gesunde Führung. Haufe Verlag.

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