
Manuel Fink
Autor & Experte für Fehlzeiten bei Adecco Group

Simon Brzoska
Content Lead bei machtfit
Deutschland ist Europameister bei den Fehltagen – doch die Gründe sind vielschichtig. Seit 2008 steigen die Fehlzeiten kontinuierlich, besonders dramatisch nach Corona. Sechs Hauptfaktoren treiben diese Entwicklung: Der Anstieg der Atemwegserkrankungen durch erhöhte Sensibilität, demografische Aspekte mit alternder Belegschaft, Arbeits- und Fachkräftemangel, der zu Überlastung führt, psychische Erkrankungen mit einem Anstieg um 48% in zehn Jahren, die vollständige digitale Krankmeldung seit 2023 und paradoxerweise die positive wirtschaftliche Situation, die weniger Arbeitsplatzangst bedeutet.
Beeinflussbare versus nicht beeinflussbare Fehlzeiten
Der entscheidende Durchbruch kommt mit der Erkenntnis: Nur 1,5-3% der Fehlzeiten sind tatsächlich medizinisch unvermeidbar. Professor Dr. Peter Nieder definierte bereits vor 25 Jahren den „Sockelbetrag“ echter Arbeitsunfähigkeit. Alles darüber hinaus ist motivationsbedingter Absentismus und damit beeinflussbar. Diese Abwesenheiten entstehen aus fünf Ursachengruppen: echter medizinischer Notwendigkeit, schädlicher Arbeitsgestaltung, persönlichen Problemen als Lösungsstrategie, internen Konflikten als „Retourkutsche“ und dem Missbrauch der Sozialgesetzgebung durch bewusste „Krankmacher“.
Die Bettkanten-Entscheidung verstehen
59% aller Arbeitnehmer melden sich gelegentlich krank, obwohl sie arbeitsfähig wären – so aktuelle Studien der Pronova BKK. Diese „Bettkanten-Entscheidung“ erfolgt in einem individuellen Graubereich zwischen 100% fit und 100% arbeitsunfähig. Der entscheidende Faktor ist die Mitarbeiterbindung: Menschen mit hoher Bindung fehlen durchschnittlich 5 Tage im Jahr, solche ohne Bindung 7,9 Tage – ein Unterschied von 60% laut Gallup Engagement Index. Bindung umfasst dabei alle Aspekte von Führungsqualität über Arbeitsaufgaben bis zur Gehaltszufriedenheit.
Die seit 2012 entwickelte R.U.F.-Methode (Reduzierung ungeplanter Fehlzeiten) besteht aus vier wissenschaftlich fundierten Elementen: Training für Bewusstseinsstärkung bei Führungskräften und Mitarbeitenden, systematisches Controlling mit monatlicher Kommunikation aller Kennzahlen transparent an alle Hierarchieebenen, regelmäßige Meetings zur strukturierten Besprechung jeder einzelnen Fehlzeit ohne Vorwürfe, sondern als Analyse und strukturierte Gesundheitsförderungsgespräche nach längerer Abwesenheit. Diese Kombination aus Management und Methode führt zu messbaren Erfolgen zwischen 20-50% Fehlzeitenreduktion.
„Jede Führungskraft hat die Fehlzeiten, die sie verdient“ – diese provokante These belegt Fink mit der Analyse von sieben Führungstypen: Wegschauer, Harmonizer, Opfer, Peitsche, Aufgabenmagnet, Wachstumstyp und Motivator. Zwei Hauptgründe führen zu hohen Fehlzeiten: mangelndes Bewusstsein über die Beeinflussbarkeit von Fehlzeiten und fehlende Konfliktbereitschaft bei schwierigen Gesprächen. Erfolgreiche Fehlzeitenreduktion erfordert Führungskräfte, die bereit sind, unangenehme Wahrheiten anzusprechen und konsequent zu handeln.
Ein konkretes Erfolgsbeispiel zeigt die Wirksamkeit systematischer Ansätze: 64% aller Arbeitsunfälle bei ProServ entstanden durch Hand- und Fingerverletzungen beim Transport von Produktträgern. Mit der Kampagne „Augen auf und Finger weg, wenn’s eng wird!“ wurde durch gezielte Kommunikation, Schulungen und Sensibilisierung eine 48%ige Reduzierung der Ausfallzeiten aufgrund von Quetschungen erreicht. Im Folgejahr sanken die Arbeitsunfälle mit Ausfallzeiten um 45%, meldepflichtige sogar um 69%. Das Ergebnis: 3.000 Arbeitsstunden weniger Ausfall und eine Rückerstattung von 34.800 Euro durch die Berufsgenossenschaft.
Leitbild als Führungsinstrument
ProServ entwickelte ein praxistaugliches Sicherheits- und Gesundheitsleitbild mit der Vision: „Jeder, der mit unserem Unternehmen in Verbindung tritt, gewinnt an Sicherheit und Gesundheit.“ Dieses Leitbild ruht auf drei Schwerpunkten: Sicherheit und Gesundheit ist alles, Sicherheit und Gesundheit fördern und wiederherstellen, sicher und gesund als Motiv. Entscheidend ist die konsequente Umsetzung durch Kommunikation, Vorbild und Konsequenz in allen Führungsentscheidungen.
00:00 – Begrüßung und Webinar-Überblick
03:00 – Aktivierungsumfragen zu Fehlzeiten
07:00 – Deutschland als Europameister der Krankmeldungen
21:00 – Sechs Ursachen für steigende Fehlzeiten
28:00 – Beeinflussbare vs. nicht beeinflussbare Fehlzeiten
35:00 – Fünf Ursachengruppen von Arbeitsunfähigkeit
41:00 – Statistische Daten zur Bettkanten-Entscheidung
44:00 – Mitarbeiterbindung als Schlüsselfaktor
47:00 – Führungskräfte und ihre Verantwortung
52:00 – Die R.U.F.-Methode im Detail
1:09:00 – Best Practice Beispiele aus der Praxis
1:21:00 – Diskussion und Fragerunde
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