
Jonas Böhme
Stellv. Leitung beim BBGM

Simon Brzoska
Content Lead bei machtfit

Dr. Silvester Fuhrhop
Gründer und CEO bei corvolution

Daniel Fodor
Co-Founder bei DearEmployee
Die größte Herausforderung für BGM-Verantwortliche ist das sogenannte „Henne-Ei-Problem“: Ohne Daten fehlt der Nachweis für die Wirksamkeit, ohne nachgewiesene Wirksamkeit gibt es keinen Support vom Management, und ohne Management-Support keine Ressourcen für professionelle Datenerfassung. Jonas Böhme verdeutlicht, dass BGM-Manager idealerweise in einer Schaltzentrale sitzen sollten, wo alle Gesundheitsdaten zusammenlaufen. Ohne entsprechende Datenbasis wird daraus nur Maßnahmen-Koordination statt echtes Management.
Die Lösung liegt in der strategischen Positionierung: BGM-Verantwortliche müssen sich aktiv zu wichtigen Unternehmensmeetings einladen und mit soliden Daten aufzeigen, welche finanziellen Auswirkungen Gesundheitsprobleme haben. Ein praktisches Beispiel aus der Praxis zeigt: Bei 276 Mitarbeitenden entstehen durch Präsentismus und Absentismus 3,3 Millionen Euro blockierte Produktivität. Diese Summe entspricht 66 Vollzeit-Mitarbeitenden, die effektiv nie zur Arbeit erscheinen.
Eine zentrale Erkenntnis der Expertendiskussion: Die wichtigste Kennzahl wird von den meisten Unternehmen überhaupt nicht gemessen. Die Frage nach der wahrgenommenen Unterstützung von Gesundheit und Wohlbefinden durch den Arbeitgeber korreliert aus 70.000 Datensätzen mit einem Produktivitätsunterschied von 8%. Dr. Fuhrhop betont, dass bereits eine Verbesserung der Mitarbeitenden-Einschätzung von »teils/teils« zu »trifft eher zu« einen Produktivitätsgewinn von 2% bedeutet – und das liegt im direkten Wirkungsbereich des BGM.
Diese Kennzahl ist nicht nur leicht messbar, sondern zeigt auch den direkten betriebswirtschaftlichen Bezug auf, den Entscheider verstehen. Im Gegensatz zu klassischen Kennzahlen wie Krankenständen, die von vielen externen Faktoren beeinflusst werden, liegt das Wohlbefinden der Mitarbeitenden im direkten Einflussbereich eines strategisch ausgerichteten BGM.
Ein oft übersehener KPI ist die Beteiligungsquote von Führungskräften an BGM-Maßnahmen. Jonas Böhme unterstreicht, dass Führungskräfte häufig nach dem BGM-Kickoff verschwinden, wodurch der größte Hebel für Akzeptanz und Wirkung verloren geht. Statistiken zeigen: Führungskräfte haben naturgemäß geringere Affinität zu Gesundheitsthemen, aber ihre authentische Beteiligung wirkt als Multiplikator für die gesamte Belegschaft.
Daniel Fodor ergänzt, dass Führungskräfte die Gatekeeper für erfolgreiches BGM sind. Ohne ihre Unterstützung wird es schwierig, nachhaltig Veränderungen einzuleiten. Deshalb sollten sie mit den richtigen Daten ausgestattet werden, damit sie verstehen, wo in ihrem Team konkrete Handlungsbedarfe bestehen.
Der wichtigste, aber komplexeste KPI ist der Return on Prevention. Während Studien Return-Rates zwischen 1:4 bis 1:30 zeigen, scheitern viele BGM-Abteilungen daran, dies unternehmensspezifisch zu berechnen. Die Experten sind sich einig: Eine fundierte Schätzung ist besser als gar keine Messung.
Simon Brzoska berichtet aus der machtfit-Praxis, dass Mental Health Maßnahmen teilweise Return-Rates von 1:4 zeigen, während zielgerichtete Physiotherapie im Callcenter Return-Rates über 1:30 erreichen kann. Der Schlüssel liegt darin, spezifisch zu messen, wo die größten Gesundheitskosten entstehen und dort gezielt anzusetzen.
Datenschutz wird oft als Haupthindernis genannt, ist aber durchaus lösbar. Dr. Fuhrhop teilt seine Erfahrung, dass glaubhafte Vermittlung von ernst gemeintem Datenschutz der Schlüssel ist – nicht nur pro forma abgehandelt, sondern als echte Priorität. corvolution ist der einzige Anbieter in Deutschland mit einem laufenden Forschungsprojekt zu Datenschutz in BGM mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Erfolgsfaktoren für Datenschutz-Akzeptanz sind die frühzeitige Einbindung des Betriebsrats, nicht erst bei der Umsetzung, sowie die Gewinnung von Datenschutzbeauftragten als Partner statt als Hürde. Transparente Kommunikation über den Nutzen für Mitarbeitende und die Wahl externer Partner ohne Geschäftsmodell im Datenhandel sind weitere entscheidende Faktoren.
Für BGM-Manager mit begrenzten Ressourcen empfehlen die Experten den strategischen Einsatz externer Dienstleister. Daniel Fodor erklärt, dass es ein klassisches Henne-Ei-Problem gibt: Daten sind nötig für Support, aber ohne Support keine Ressourcen für Datenerfassung. Externe Lösungen können diesen Kreislauf durchbrechen.
Jonas Böhme ergänzt aus Verbandssicht, dass vor Gesprächen mit Dienstleistern die Hausaufgaben gemacht werden sollten: Welche Daten sind bereits intern vorhanden? Welche Kassenberichte können genutzt werden? Wo sind Verbündete im Unternehmen? Mit dieser Vorbereitung lässt sich externe Unterstützung gezielter anfragen.
00:00 – Begrüßung und Panelvorstellung
02:00 – Warum „Ohne Daten kein BGM“? Jonas Böhme über die Achillesferse des BGM
07:30 – Mentimeter-Umfrage: Herausforderungen für datenbasiertes BGM
14:30 – Datenschutz als emotionales, aber lösbares Problem
21:30 – Wohlbefinden als unterschätzte Kennzahl mit 8% Produktivitäts-Impact
29:00 – Aktuelle Kennzahlen im BGM: Was wird gemessen?
37:00 – Return on Prevention: Der fehlende KPI für BGM-Wertschöpfung
46:00 – Kennzahlen-Ranking: Was ist wirklich wichtig?
57:00 – Führungskräfte-Beteiligung als entscheidender Erfolgsfaktor
1:04:00 – Präsentismus-Kalkulation: 3,3 Mio Euro bei 276 Mitarbeitenden
1:18:00 – Erste Schritte für BGM-Manager: Wo anfangen bei Ressourcenknappheit?
1:24:00 – Abschlussstatements: Mut zur strategischen BGM-Positionierung
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