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[Paneltalk] Fehlzeitenreport: Aktuelle Daten & Handlungsimpulse

Was die aktuellen Reports von AOK, TK und Gallup wirklich zeigen und welche Hebel HR und BGM 2026 nutzen sollten, um Fehlzeiten strategisch zu senken.

Manuel Fink

Experte für Fehlzeitenmanagement und Personalführung

Christoph von Oldershausen

Geschäftsführer bei Movement24

Simon Brzoska

Content Lead bei machtfit

Der aktuelle Fehlzeitenreport liefert Handlungsimpulse, die HR- und BGM-Verantwortliche in Unternehmen ab 500 Mitarbeitenden direkt aufgreifen können. Die Zahlen sind eindeutig: 24 Fehltage pro Person und Jahr, ein Krankenstand von 6,3 Prozent und ein Anstieg psychischer Erkrankungen von 43 Prozent in neun Jahren bzw. 150 Prozent über zwei Dekaden. In diesem Paneltalk ordnen Manuel Fink und Christoph von Oldershausen die aktuellen Daten ein und erklären, warum die elektronische AU-Übermittlung nur einen Teil des Anstiegs erklärt. Sie zeigen, welche Hebel wirklich wirken: von der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung über psychologische Sicherheit bis zu Gesundheitsfördergesprächen. Sie erfahren, welche Daten Sie kennen müssen, welche blinden Flecken in vielen Strategien stecken und wie Sie 2026 Fehlzeiten strategisch reduzieren.

Was Sie aus diesem Webinar mitnehmen

  • Aktuelle Datenlage und echte Treiber → Sie verstehen, warum Fehlzeiten auf Rekordniveau liegen, welche Rolle die elektronische AU-Übermittlung wirklich spielt und warum sich Unternehmen darauf nicht ausruhen dürfen.
  • Mentale Gesundheit als Langfrist-Treiber → Sie erkennen, warum psychische Erkrankungen über 40 Prozent der AU-Tage erklären und welche strukturellen Faktoren hinter dem Anstieg stehen.
  • Psychologische Sicherheit und Führung → Sie lernen anhand konkreter Praxisbeispiele, wie Führungskräfte über Vertrauen, Fehlerkultur und klare Rahmenbedingungen Belastung reduzieren.
  • Differenzierung nach Branche, Alter und Region → Sie wissen, wie Sie sich sinnvoll benchmarken und warum eine Durchschnittszahl in der Steuerung wenig hilft.
  • Mitarbeiterbindung und Gesundheitsfördergespräche → Sie verstehen, wie Bindung Fehlzeiten beeinflusst, wo die Fallen liegen und warum das Rückkehrgespräch eines der stärksten Führungsinstrumente ist.
  • Rahmenbedingungen 2026 → Sie ordnen ein, wie Demografie, wirtschaftliche Unsicherheit und KI auf Fehlzeiten wirken und worauf BGM und HR jetzt strategisch reagieren sollten.
  • Konkrete Handlungsimpulse aus dem Fehlzeitenreport → Sie nehmen umsetzbare Hebel mit, die Sie sofort in Ihre Roadmap integrieren können.

Aktuelle Lage: Fehlzeiten auf Rekordniveau

Die Daten sind eindeutig: 2024 fehlten Arbeitnehmende im Schnitt 24 Tage pro Jahr, der Krankenstand liegt bei 6,3 Prozent. Damit bewegt sich Deutschland seit 2022 auf einem dauerhaft hohen Niveau, das vor 50 Jahren zuletzt erreicht wurde. Im Schnitt verzeichnet jede Person 2,3 Arbeitsunfähigkeitsfälle pro Jahr. Der oft genannte Sprung bei Atemwegserkrankungen ist nur teilweise mit gestiegener Sensibilität zu erklären; entscheidend ist die elektronische Übermittlung der AU-Daten seit Mitte 2022, die das tatsächliche Bild erstmals vollständig sichtbar macht. Telefonische Krankschreibung und Pandemie spielen dabei eine geringere Rolle als oft angenommen.

Mentale Gesundheit als zentraler Langfrist-Treiber

Während Atemwegserkrankungen kurzfristig viele Fälle erzeugen, sind psychische Erkrankungen der entscheidende Langfrist-Treiber. Laut AOK-Report sind sie in den letzten neun Jahren um 43 Prozent gestiegen, der TK-Report zeigt sogar einen Anstieg von 150 Prozent über 20 Jahre. Auch Burnout-Diagnosen (ICD-10 Z73) nehmen kontinuierlich zu. Da psychische Erkrankungen überproportional zu langen Ausfallzeiten führen, schlagen sie wirtschaftlich besonders stark zu Buche. Bessere Diagnostik, präzisere Codierung und eine fortschreitende Entstigmatisierung erklären einen Teil des Anstiegs, jedoch nicht die gesamte Entwicklung. Die Botschaft an Unternehmen: Diese Zahlen sind real und verlangen eine strukturierte Antwort.

Psychologische Sicherheit und Führung als Hebel

Der erste pragmatische Schritt ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GBU Psyche). Sie ist gesetzlich verpflichtend, vergleichsweise einfach umsetzbar und liefert quantifizierbare Daten zu den realen Belastungsfaktoren. Aktuell führt rund die Hälfte der Unternehmen eine GBU Psyche durch, viele große Unternehmen ergänzen sie über Workshopformate. Wirklich wirksam wird sie erst, wenn die Daten in konkrete Maßnahmen übersetzt werden. Ergänzend sind EAP-Angebote sinnvoll, lösen das Problem aber nicht alleine, weil sie die Verantwortung in den privaten Raum verschieben. Den größten Hebel bilden Arbeitsbedingungen und Führung: psychologische Sicherheit, Fehlerkultur und faire Behandlung. Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Eines der größten Pizzawerke Europas verankert den Wert „Mut“ aktiv im Onboarding und ermutigt neue Mitarbeitende, Fehler offen anzusprechen. Solche Routinen senken Druck, schaffen Vertrauen und zahlen messbar auf die Reduktion psychischer Belastung ein. Wichtig: Psychologische Sicherheit ist Voraussetzung, ersetzt aber nicht die Veränderung belastender Rahmenbedingungen.

Branchen-, Alters- und Regionalunterschiede gezielt nutzen

Der Durchschnitt von 6,3 Prozent verschleiert massive Unterschiede. Banken und Versicherungen liegen 28 Prozent unter dem Bundesschnitt, während Verkehr, Transport, Gesundheits- und Sozialwesen sowie Teile der Industrie deutlich darüber liegen. Auch Bundesländer unterscheiden sich stark: Sachsen-Anhalt verzeichnet rund 25 Prozent mehr Fehlzeiten als Baden-Württemberg. Die Altersstruktur ist ein weiterer entscheidender Faktor: Jüngere Beschäftigte sind häufiger, aber kürzer krank, ältere seltener, dafür länger. Daraus ergibt sich eine klare Steuerungslogik: BGM und HR sollten bei jungen Zielgruppen auf Kurzzeiterkrankungen und Prävention setzen, bei älteren auf Langzeiterkrankungen, Wiedereingliederung und chronische Belastungen. Auch Geschlecht und saisonale Verläufe lohnen die Analyse, etwa der bekannte „Montagseffekt“, der überwiegend strukturell bedingt ist.

Mitarbeiterbindung, Führung und Gesundheitsfördergespräche

Laut Gallup fühlen sich 78 Prozent der Beschäftigten nur gering an ihren Arbeitgeber gebunden, nur 21 Prozent vertrauen ihrer Führungskraft. Eine hohe Bindung korreliert mit deutlich niedrigeren Fehlzeiten, ist aber zweischneidig: Sie kann Präsentismus fördern, also krank zur Arbeit zu erscheinen. Wichtig ist die saubere Differenzierung der Ursachen für Fehlzeiten. Manuel Fink unterscheidet fünf Treiber: medizinische Erkrankung, Arbeitsunfall, organisatorische Gründe, Motivationsdefizite und bewusstes Blaumachen oder „Retourkutschen“. Das wirksamste Instrument zur Aufklärung und Reduktion ist das Gesundheitsfördergespräch nach Rückkehr. Geführt mit Wertschätzung und sicherer Gesprächsführung schafft es Transparenz, deckt organisatorische Schwachstellen auf und stärkt Bindung. Empfehlung: ein Gespräch nach jeder Abwesenheit, in passender Intensität.

Rahmenbedingungen 2026: Demografie, Wirtschaft, KI

Mehrere externe Faktoren werden Fehlzeiten weiter beeinflussen. Die Boomer-Generation altert, Langzeiterkrankungen nehmen damit strukturell zu. Der Fachkräftemangel verschärft die Wirkung jedes Ausfalltags. Wirtschaftliche Unsicherheit und Stellenabbau erhöhen die psychische Belastung, ebenso wachsende KI-bezogene Sorgen. Wichtig ist, sich nicht der pauschalen Erzählung „alles wird schlimmer“ anzuschließen, sondern aktiv zu gestalten: BGM gehört bei strategischen Themen wie KI-Einführung früh an den Tisch, um Belastungen aus neuen Arbeitsprozessen mitzudenken. Gleichzeitig dürfen Führungskräfte nicht überfrachtet werden. Statt Vorbildverhalten in jeder Detailmaßnahme zu erwarten, sollte der Fokus auf Energie, Fokus und Leistungsfähigkeit liegen, getragen durch eine solide Gesundheitsbasis.

Handlungsimpulse aus dem Fehlzeitenreport

Die zentralen Handlungsimpulse aus dem Fehlzeitenreport für 2026 lassen sich klar bündeln.

  1. Bestehende Maßnahmen kritisch prüfen und konsequent auf Wirksamkeit ausrichten, statt punktuell „irgendetwas“ zu tun.
  2. Führungskräfte gezielt befähigen, Gesundheitsfördergespräche zu führen, ohne medizinisch zu werden.
  3. Fehlzeiten kontinuierlich kommunizieren, idealerweise monatlich, mit klaren Kennzahlen und sichtbarer Wirkungsmessung. So wird das Thema enttabuisiert, der „Elefant im Raum“ verschwindet und Gesundheit wird Teil der Arbeitgeberattraktivität.
  4. Prävention konsequent über die Säulen Schlaf, Bewegung, Ernährung und Stressbewältigung verankern, mit passenden Angeboten und Rahmenbedingungen.

Handlungsempfehlungen

  • Starten Sie mit einer aktuellen Standortbestimmung. Werten Sie Ihren Krankenkassenreport aus, vergleichen Sie Ihre Branche, Region und Altersstruktur mit den Benchmarks und identifizieren Sie die zwei bis drei größten Treiber Ihrer Fehlzeiten. So vermeiden Sie Maßnahmen nach dem Gießkannenprinzip und investieren dort, wo der Hebel real ist.
  • Etablieren oder professionalisieren Sie Ihre Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung. Behandeln Sie sie nicht als Pflichtübung, sondern als Datenquelle. Übersetzen Sie die Ergebnisse in konkrete organisatorische Veränderungen, etwa bei Rollenklarheit, Workload, Pausenkultur oder Führungskommunikation.
  • Investieren Sie konsequent in Führungskompetenz. Schulen Sie Ihre Führungskräfte in Gesundheitsfördergesprächen, schaffen Sie Sicherheit in der Gesprächsführung und entlasten Sie sie gleichzeitig, indem Sie Verantwortung für Gesundheit klar zwischen Unternehmen, Führung und Mitarbeitenden aufteilen.
  • Bauen Sie eine kontinuierliche Kommunikation rund um Fehlzeiten und Gesundheit auf. Reporten Sie monatlich, machen Sie Wirkung sichtbar und sprechen Sie offen über Trends. Damit enttabuisieren Sie das Thema und schaffen Akzeptanz für strukturelle Veränderungen.
  • Verankern Sie Prävention strategisch über die vier Säulen Schlaf, Bewegung, Ernährung und Stressbewältigung. Nutzen Sie eine Plattform wie machtfit, um zielgruppenspezifische Angebote bereitzustellen, und kombinieren Sie sie mit klaren Kommunikations- und Führungsmaßnahmen. So entsteht ein konsistenter, datenbasierter Ansatz, der Fehlzeiten nachhaltig reduziert.

Timecodes im Video

00:00 – Begrüßung und Einordnung des Themas

02:00 – Vorstellung der Speaker

04:30 – Der AOK-Fehlzeitenreport im Überblick

09:00 – 50-Jahres-Trend: Fehlzeiten auf Rekordniveau

12:00 – Atemwegserkrankungen und Sensibilisierung

14:00 – Kurzzeit- vs. Langzeiterkrankungen

14:50 – Mentale Gesundheit als Langfrist-Treiber

21:30 – GBU Psyche als pragmatischer Einstieg

27:30 – Psychologische Sicherheit als Führungshebel

35:50 – Branchen-, Alters- und Regionalunterschiede

41:00 – Mitarbeiterbindung und Fehlzeiten

49:30 – Gesundheitsfördergespräche als Führungsinstrument

52:50 – Rahmenbedingungen 2026 und KI

55:30 – Handlungsimpulse für 2026

1:01:00 – Fazit und Ausblick

Das Netzwerk für HR-Verantwortliche, die Gesundheit strategisch denken.

hr health gibt Personalabteilungen Austausch mit Peers, praxisnahe Impulse und belastbare Daten an die Hand – für mehr Leistungsfähigkeit, Zufriedenheit und Bindung bei Mitarbeitenden.