
Manuel Fink
Experte für Fehlzeitenmanagement und Personalführung

Christoph von Oldershausen
Geschäftsführer bei Movement24

Simon Brzoska
Content Lead bei machtfit
Die Daten sind eindeutig: 2024 fehlten Arbeitnehmende im Schnitt 24 Tage pro Jahr, der Krankenstand liegt bei 6,3 Prozent. Damit bewegt sich Deutschland seit 2022 auf einem dauerhaft hohen Niveau, das vor 50 Jahren zuletzt erreicht wurde. Im Schnitt verzeichnet jede Person 2,3 Arbeitsunfähigkeitsfälle pro Jahr. Der oft genannte Sprung bei Atemwegserkrankungen ist nur teilweise mit gestiegener Sensibilität zu erklären; entscheidend ist die elektronische Übermittlung der AU-Daten seit Mitte 2022, die das tatsächliche Bild erstmals vollständig sichtbar macht. Telefonische Krankschreibung und Pandemie spielen dabei eine geringere Rolle als oft angenommen.
Während Atemwegserkrankungen kurzfristig viele Fälle erzeugen, sind psychische Erkrankungen der entscheidende Langfrist-Treiber. Laut AOK-Report sind sie in den letzten neun Jahren um 43 Prozent gestiegen, der TK-Report zeigt sogar einen Anstieg von 150 Prozent über 20 Jahre. Auch Burnout-Diagnosen (ICD-10 Z73) nehmen kontinuierlich zu. Da psychische Erkrankungen überproportional zu langen Ausfallzeiten führen, schlagen sie wirtschaftlich besonders stark zu Buche. Bessere Diagnostik, präzisere Codierung und eine fortschreitende Entstigmatisierung erklären einen Teil des Anstiegs, jedoch nicht die gesamte Entwicklung. Die Botschaft an Unternehmen: Diese Zahlen sind real und verlangen eine strukturierte Antwort.
Der erste pragmatische Schritt ist die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung (GBU Psyche). Sie ist gesetzlich verpflichtend, vergleichsweise einfach umsetzbar und liefert quantifizierbare Daten zu den realen Belastungsfaktoren. Aktuell führt rund die Hälfte der Unternehmen eine GBU Psyche durch, viele große Unternehmen ergänzen sie über Workshopformate. Wirklich wirksam wird sie erst, wenn die Daten in konkrete Maßnahmen übersetzt werden. Ergänzend sind EAP-Angebote sinnvoll, lösen das Problem aber nicht alleine, weil sie die Verantwortung in den privaten Raum verschieben. Den größten Hebel bilden Arbeitsbedingungen und Führung: psychologische Sicherheit, Fehlerkultur und faire Behandlung. Ein konkretes Beispiel aus der Praxis: Eines der größten Pizzawerke Europas verankert den Wert „Mut“ aktiv im Onboarding und ermutigt neue Mitarbeitende, Fehler offen anzusprechen. Solche Routinen senken Druck, schaffen Vertrauen und zahlen messbar auf die Reduktion psychischer Belastung ein. Wichtig: Psychologische Sicherheit ist Voraussetzung, ersetzt aber nicht die Veränderung belastender Rahmenbedingungen.
Der Durchschnitt von 6,3 Prozent verschleiert massive Unterschiede. Banken und Versicherungen liegen 28 Prozent unter dem Bundesschnitt, während Verkehr, Transport, Gesundheits- und Sozialwesen sowie Teile der Industrie deutlich darüber liegen. Auch Bundesländer unterscheiden sich stark: Sachsen-Anhalt verzeichnet rund 25 Prozent mehr Fehlzeiten als Baden-Württemberg. Die Altersstruktur ist ein weiterer entscheidender Faktor: Jüngere Beschäftigte sind häufiger, aber kürzer krank, ältere seltener, dafür länger. Daraus ergibt sich eine klare Steuerungslogik: BGM und HR sollten bei jungen Zielgruppen auf Kurzzeiterkrankungen und Prävention setzen, bei älteren auf Langzeiterkrankungen, Wiedereingliederung und chronische Belastungen. Auch Geschlecht und saisonale Verläufe lohnen die Analyse, etwa der bekannte „Montagseffekt“, der überwiegend strukturell bedingt ist.
Laut Gallup fühlen sich 78 Prozent der Beschäftigten nur gering an ihren Arbeitgeber gebunden, nur 21 Prozent vertrauen ihrer Führungskraft. Eine hohe Bindung korreliert mit deutlich niedrigeren Fehlzeiten, ist aber zweischneidig: Sie kann Präsentismus fördern, also krank zur Arbeit zu erscheinen. Wichtig ist die saubere Differenzierung der Ursachen für Fehlzeiten. Manuel Fink unterscheidet fünf Treiber: medizinische Erkrankung, Arbeitsunfall, organisatorische Gründe, Motivationsdefizite und bewusstes Blaumachen oder „Retourkutschen“. Das wirksamste Instrument zur Aufklärung und Reduktion ist das Gesundheitsfördergespräch nach Rückkehr. Geführt mit Wertschätzung und sicherer Gesprächsführung schafft es Transparenz, deckt organisatorische Schwachstellen auf und stärkt Bindung. Empfehlung: ein Gespräch nach jeder Abwesenheit, in passender Intensität.
Mehrere externe Faktoren werden Fehlzeiten weiter beeinflussen. Die Boomer-Generation altert, Langzeiterkrankungen nehmen damit strukturell zu. Der Fachkräftemangel verschärft die Wirkung jedes Ausfalltags. Wirtschaftliche Unsicherheit und Stellenabbau erhöhen die psychische Belastung, ebenso wachsende KI-bezogene Sorgen. Wichtig ist, sich nicht der pauschalen Erzählung „alles wird schlimmer“ anzuschließen, sondern aktiv zu gestalten: BGM gehört bei strategischen Themen wie KI-Einführung früh an den Tisch, um Belastungen aus neuen Arbeitsprozessen mitzudenken. Gleichzeitig dürfen Führungskräfte nicht überfrachtet werden. Statt Vorbildverhalten in jeder Detailmaßnahme zu erwarten, sollte der Fokus auf Energie, Fokus und Leistungsfähigkeit liegen, getragen durch eine solide Gesundheitsbasis.
Die zentralen Handlungsimpulse aus dem Fehlzeitenreport für 2026 lassen sich klar bündeln.
00:00 – Begrüßung und Einordnung des Themas
02:00 – Vorstellung der Speaker
04:30 – Der AOK-Fehlzeitenreport im Überblick
09:00 – 50-Jahres-Trend: Fehlzeiten auf Rekordniveau
12:00 – Atemwegserkrankungen und Sensibilisierung
14:00 – Kurzzeit- vs. Langzeiterkrankungen
14:50 – Mentale Gesundheit als Langfrist-Treiber
21:30 – GBU Psyche als pragmatischer Einstieg
27:30 – Psychologische Sicherheit als Führungshebel
35:50 – Branchen-, Alters- und Regionalunterschiede
41:00 – Mitarbeiterbindung und Fehlzeiten
49:30 – Gesundheitsfördergespräche als Führungsinstrument
52:50 – Rahmenbedingungen 2026 und KI
55:30 – Handlungsimpulse für 2026
1:01:00 – Fazit und Ausblick
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