
Martina Schmeink
Geschäftsführerin bei Demografie Netzwerk Deutschland (ddn)

Catharina Maria Klein
Speakerin & Expertin für Generationenmanagement und Altersdiskriminierung

Simon Brzoska
Content Lead bei machtfit
Über 50 Prozent der aktuell Erwerbstätigen sind 55 Jahre oder älter. Bis 2035 gehen rund 13 Millionen Menschen in den Ruhestand, und Deutschland steuert auf einen Mangel von 5 bis 7 Millionen Fachkräften zu. Damit ist die Belegschaft 55+ kein Randphänomen, sondern eine strategische Zielgruppe für jedes BGM. Auch die Fehlzeitenstruktur verdient eine differenzierte Betrachtung: Die Anzahl der AU-Fälle steigt im Altersverlauf nicht oder kaum, in Teilen geht sie sogar zurück. Was deutlich zunimmt, sind Langzeit- und chronische Erkrankungen. Genau hier liegt der Hebel für HR und BGM, weil Langfälle wirtschaftlich besonders stark zu Buche schlagen.
Altersdiskriminierung ist eine der wenigen Diskriminierungsformen, die in Unternehmen weiterhin akzeptiert und teils toleriert wird. Sie zeigt sich in Aussagen wie „bei dem lohnt sich das nicht mehr“, in Bewerbungsprozessen, in denen Lebensläufe 55+ von vornherein aussortiert werden, oder in Stellenabbauwellen, die zuerst die Älteren treffen. Die Folgen sind messbar: Mehr als 50 Prozent der Mitarbeitenden 50+ fühlen sich psychisch belastet, 25 Prozent der Renteneintritte 2024 waren Frühverrentungen, und gleichzeitig wären über 50 Prozent grundsätzlich bereit, bis zum oder über das Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten. Sie entscheiden sich dagegen, weil die Unternehmenskultur sie nicht mitnimmt. Damit wird Kultur zum entscheidenden Faktor für Bindung und Fachkräftesicherung.
Mitarbeitende 55+ bringen eine Kombination, die kein Onboarding ersetzen kann: fundierte Ausbildung, oft jahrzehntelange Betriebszugehörigkeit, hohe Loyalität, Krisenfestigkeit und ein tiefes Verständnis interner Prozesse und Gepflogenheiten. Das wirtschaftlich Relevante: Dieses Erfahrungswissen ist häufig genau dort verankert, wo Standardisierung an ihre Grenzen stößt. Wer diese Gruppe abschreibt, ignoriert oder frühzeitig in den Ruhestand schickt, gibt Wettbewerbsvorteile aus der Hand. Hinzu kommt die Außenwirkung: Auch ehemalige Mitarbeitende sind Botschafter:innen ihres Unternehmens, mit teils sehr lauten Stimmen im Netzwerk.
Im Kern unterscheiden sich die Generationen weniger als oft angenommen. Alle Altersgruppen haben dieselben Grundbedürfnisse: Autonomie, also Selbst- und Mitbestimmung sowie persönliche Entfaltung, und Zugehörigkeit, also Wertschätzung, Anerkennung und das Gefühl, gebraucht zu werden. Brücken bauen heißt deshalb, Erfahrung als Ressource statt als Machtinstrument zu nutzen. Auch das Gegenteil klassischer Altersdiskriminierung verdient Aufmerksamkeit: das sogenannte „Seniorsplaining“, bei dem Lebenserfahrung ungefragt und abwertend gegenüber Jüngeren ausgespielt wird. Wirksame Generationenarbeit adressiert beide Richtungen und etabliert eine Kultur, in der Erfahrungswissen wechselseitig fließt.
Klassisches BGM denkt häufig zuerst an ergonomische Arbeitsplätze, Kantine und Sportkurse. Diese Bausteine bleiben wichtig, reichen aber nicht. Entscheidend für die Arbeitsfähigkeit der Belegschaft 55+ ist gesunde Führung: psychologische Sicherheit, Wertschätzung, klare Rollen und ein Arbeitsumfeld, in dem Belastungen früh angesprochen werden können. Wenn Sie Mensch und Bedürfnis konsequent in den Mittelpunkt stellen, schaffen Sie eine nachhaltige Gesundheits- und Leistungsbasis, unabhängig vom Alter. So lassen sich Bindung erhöhen, Frühverrentungen reduzieren und Erfahrungswissen länger im Unternehmen halten.
Der Later Life Workplace Index (LWI) ist ein wissenschaftlich entwickeltes Diagnoseinstrument der Leuphana Universität Lüneburg, getragen vom Demografie Netzwerk und weiteren Partnern. Er macht Altersfreundlichkeit am Arbeitsplatz messbar und arbeitet mit neun Dimensionen: Arbeitsgestaltung, Gesundheitsmanagement, persönliche Entwicklung, Wissensmanagement, Führung, Organisationsklima, Übergang in den Ruhestand, Weiterbeschäftigung im Rentenalter sowie Versicherung und Vorsorge. Befragt werden gezielt Tandems aus älteren Beschäftigten und ihren Führungskräften, nicht die gesamte Belegschaft. Der LWI bewertet damit nicht die persönliche Situation, sondern die Tauglichkeit der betrieblichen Praktiken. Für Unternehmen unter 500 Mitarbeitenden reichen mindestens zwei Tandems, ab 500 Mitarbeitenden mindestens fünf, in der Praxis empfehlen sich oft mehr, um Akzeptanz und Aussagekraft zu erhöhen. Die Befragungszeit liegt bei maximal 30 Minuten je Person. Die Auswertung wird im Anschluss in einem Strategieworkshop mit der Unternehmensstrategie abgeglichen, sodass aus Daten konkrete Maßnahmen entstehen.
Wie sich LWI-Erkenntnisse konkret übersetzen lassen, zeigt die Berliner Stadtreinigung in der Dimension Wissen und Kompetenz. Reinigungsteams mit jeweils acht Beschäftigten planen ihre Einsätze in Eigenregie und entscheiden über die Zusammensetzung der Gruppe selbst, solange definierte Qualifikationen abgedeckt sind. Jede Gruppe wählt eine Sprecherin oder einen Sprecher, die oder der die Interessen vertritt. Diese flexible Form der Arbeitsorganisation ermöglicht es, Stärken und Erfahrungen älterer Beschäftigter gezielt einzusetzen, Leistungseinschränkungen über Aufgabenrotation oder Teamzusammensetzung abzufedern und Belastungssituationen früh aufzufangen. Der Effekt: höhere Arbeitsfähigkeit, mehr Ownership und stabilere Teams.
Die Annahme, ältere Mitarbeitende ließen sich für Gesundheitsangebote schlecht erreichen, ist falsch. Entscheidend sind Angebotsmix, Wording und Kommunikationskanäle. Mit machtfit erreichen Unternehmen über 70 Prozent der Belegschaft mit Gesundheitsmaßnahmen, auch in der Altersgruppe 50+. Wichtig ist die saubere Persona-Arbeit: Welche Formate sind reizvoll, welche Kanäle funktionieren, welche Tonalität spricht die Zielgruppe an? Eine Urban-Sports-Mitgliedschaft adressiert andere Bedürfnisse als ein Schwimmbadangebot, ein Präventionskurs gegen Rückenschmerzen oder digitale Mental-Health-Angebote. Wer hier differenziert, holt eine Zielgruppe ab, die sich für ihre Gesundheit häufig sehr dankbar zeigt, sobald sie sich gesehen fühlt.
Beide Expertinnen empfehlen einen klaren Fahrplan. Erstens: Altersstrukturanalyse und Stimmungsbild. Wie ist die Belegschaft heute zusammengesetzt, wie entwickelt sie sich, und wie funktioniert die Generationenzusammenarbeit? Zweitens: Sensibilisierung über Vorträge, Workshops und gezielte Trainings für Führungskräfte und HR, idealerweise mit Praxisbezug statt One-Shot-Vorträgen. Drittens: Maßnahmen ableiten und zielgruppengerecht ausspielen, mit altersfreundlichen Angeboten, generationsübergreifenden Formaten und einer Kommunikation, die wirklich ankommt. Viertens: Wirkung messen, etwa über den LWI als wiederkehrendes Diagnoseinstrument.
00:00 – Begrüßung und Einordnung des Themas
01:00 – Vorstellung der Speakerinnen
02:00 – Demografischer Wandel und Fachkräftelücke
03:00 – Fehlzeitenlogik: Fälle vs. Langzeiterkrankungen
04:30 – Umfrage: Anteil der Mitarbeitenden 50+
06:00 – Wie wir über das Älterwerden denken
14:30 – Zahlen zur älteren Belegschaft bis 2035
16:00 – Altersdiskriminierung in Recruiting und Stellenabbau
21:30 – Seniorsplaining und Erfahrung als Brücke
23:30 – Stärken der Generation 55+
25:00 – Gemeinsame Grundbedürfnisse aller Generationen
27:00 – BGM neu denken: Gesunde Führung
35:00 – Der Later Life Workplace Index
44:00 – Dimension Gesundheitsmanagement im LWI
50:00 – Vorgehen, Tandems und Befragungsumfang
52:50 – Praxisbeispiel Berliner Stadtreinigung
58:50 – Nächste Schritte für Unternehmen
1:01:30 – Zielgruppenspezifisches BGM für 55+
Das Netzwerk für HR-Verantwortliche, die Gesundheit strategisch denken.
hr health gibt Personalabteilungen Austausch mit Peers, praxisnahe Impulse und belastbare Daten an die Hand – für mehr Leistungsfähigkeit, Zufriedenheit und Bindung bei Mitarbeitenden.